Abschied von Ilse
Ich hatte keine Ahnung, wie ich es anstellen sollte. Bis zum letzten Tag hab ich es aufgeschoben, dich noch einmal zur Musiktherapie zu holen. Schrecklich unprofessionell, ich weiß. Als ich dich auf deiner Wohngruppe abholte, hab ich in deinen Augen gelesen: Ich weiß nicht recht, wer du bist.
„Passt schon“ hast du zu mir gesagt und geschaut. Erst als ich das Schlüsselwort „Musik“ aussprach, ging das Licht in deinen Augen an. Schon im Lift sagtest du mir dann das erste Mal wieder dein „Ich hab dich lieb…“
„…nur dich allein. Ich sing ein Lied für dich…“ sang ich Heintjes Melodie. Da hast du mit eingestimmt und wir waren beide da. Wie ein gemeinsames Durchatmen kam es mir vor. Endlich hatten wir wieder dieses Gemeinsame gefunden, das sich gut anfühlt.
Später, als wir schon ein paar Lieder zur Gitarre gesungen hatten, sagte ich dir, dass ich heute das letzte Mal hier bin. Wir machen heut zum letzten Mal Musik miteinander. Still sahst du mich an. Ich war so unsicher, ob du wohl begreifst, was das bedeutet? Sagst du dein „Passt schon“, weil die Demenz alles Verständliche verwischt?
Dann hörte ich deine ernsten Worte: „Aber wir werden uns immer erinnern. Alles geschieht nur einmal.“ Mir fehlten die Worte. Ich wollte die deinen festhalten in mir. Ja nichts davon vergessen. Jedes Wort schien mir so wichtig zu sein. So klar. So unglaublich passend. Bekannte Melodien füllten die Stille, gaben uns etwas Leichtigkeit zurück. Im nächsten stillen Moment waren da wieder diese klaren Worte von dir. Verraten hast du mir, wie wichtig die Musiktherapie für dich ist: „Schön war’s. Weil man ja auch Zuspruch braucht - - - man soll die Musik immer behalten.“
Ilse. Unsere Lieder singen in mir. Deine Worte klingen in mir. Sie „weise“ zu nennen, wäre pathetisch. So bist du nicht. Du bist einfach da und haust mich um mit deiner Klarheit – inmitten der wilden Zerzaustheit deiner Haare und deiner Gedanken.