Eulenblick
Eulenaugen fragen mich mitten ins Gesicht: wer bist du oder willst du sein?
In diesem Moment bin ich mir ganz sicher: ich weiß es! Das Gefühl ist schön. Warm sitzt es im Bauch wie Schokoladenkuchen von Oma. Die wusste es auch, glaub ich. Jedenfalls war ihr Bauch schön rund. Das Gefühl ist schön, aber kann ich’s auch denken? Kann ich meine Antwort denken, schreiben, sagen? Bestimmt. Im richtigen Moment. Dann. Aber jetzt?
Meine nackten Füße spüren noch den Sommer. Gleich ist er vorbei – sagen die Socken daneben. Sommer ist auch nur Sommer, wenn ich ihn so nenne. Plötzlich reden alle vom Herbst. Sogar die Blätter. Sie rascheln hier im Garten und lassen mich zweifeln an meinem Gefühl. Herbst ist anders. Ich bin anders. Immerzu. Wie soll ich dann bitte wissen, wer ich bin?
Ich bin keine Mutter mit vier Kindern. Kenn‘ Frühling und Sommer, den Herbst und den Winter. Jedes Jahr neu. Mein Leben ist immer neu. Wie das Jahr. Wie der Baum, der trotzdem Wurzeln hat und einen Stamm.
Ach ich liebe es, die Blätter abzuwerfen! Ich dreh mich nicht um. Solln sie tanzen im Wind oder heulen und jammern. In mir wächst schon wieder alles neu, so neu!
Flieg los, du Eule, nimm deinen Blick von mir. Ich frag dich doch auch nicht, wohin deine Flügel dich tragen.