Karla

Feb 09, 2026Von Claudia Knabe
Claudia Knabe

Du sprichst nicht, aber deine Stimme klingt auch Stunden später noch in meinem Ohr. Man hört dir dein Alter an. Zerbrechlichkeit und Kraft. Frau-sein.

Aus dem Flur und dem Nebenraum hören wir die Stimmen der Anderen, einen Staubsauger, Lärm.

Wir sind still, immer wieder. Dann klingen Saiten, dann dein Gesang:

a-ji-a-iii ... a-ji-a-iii …

Ich finde den Akkord, begleite dich, singe mit dir. So wird aus vier Tönen dein Lied.

Als würdest du schweben bewegst du deinen Kopf hin und her. Die Augen geschlossen. Fast ein Lächeln im blassen Gesicht.

Liebe erfüllt mein Herz.


Oh Gott, wie kitschig das klingt. Sowas kann ich doch nicht schreiben. Außerdem hat Liebe ja nichts in der Therapie zu suchen. Wie unprofessionell.

Aber sie ist da.

So wie Gott da ist. In meinen Gedanken und Ideen. Dein Lied geht über in ein anderes, das seit Tagen in mir klingt. Es scheint genau hier her zu passen und so bringe ich es über die Lippen.

Wo die Liebe wohnt, blüht das Leben auf. Hoffnung wächst, die trägt, Träume werden wahr. Denn wo Liebe wohnt, da wohnt Gott. Wo Liebe wohnt, da wohnt Gott.

Jetzt hab ich eh schon alle Regeln gebrochen. Singe von Liebe und Gott und bin ganz erfüllt von diesem Moment mit dir, Karla. Als weise alte Dame sitzt du vor mir. Deine Hand windet sich wie ein knöchriger Zweig im Wind nah über dem Fell der Trommel. Als könntest du sie jeden Moment berühren, tust es aber nicht. Spürst du sie? Spielst du sie in deinen Gedanken? Deinem Sein?

Vielleicht erlebst du diesen Moment ganz anders.  Fließen Sein und Tun ineinander wie die Töne, die wir singen. Ich tue, du bist. In dem Einen Lied.